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Farbige Collage von Linder, in der Mitte ein Bett mit einem schlafenden Mann und einer nackten Frau; das Gesicht der Frau ist mit übergroßen Augen und einem übergroßen Mund verdeckt.

No Future

Linder

Die radikalen Fotomontagen der britischen Künstlerin Linder stehen im Mittelpunkt von No Future. In den 1970er Jahren war Linder eine der Schlüsselfiguren der Punk- und Post-Punk-Szene in Manchester, Großbritannien. So war sie Frontfrau der Band Ludus und gestaltete 1976 das weltberühmte Cover für die erste Single „Orgasm Addict“ der Buzzcocks. In den vergangenen 50 Jahren schuf Linder, bewaffnet mit Skalpell und Kleber, unzählige aktivistische, feministische Fotomontagen. Damit entlarvt sie Systeme, die tief in unserer Gesellschaft verankert sind, wie Frauenfeindlichkeit, Sexismus und Rassismus. Mittlerweile erstreckt sich ihr Œuvre auch auf Musik, Film und Tanz. Linders erste Retrospektive in den Niederlanden zeigt ihr Œuvre in all seinen Facetten. Gleichzeitig stellt No Future ihr Werk in einen breiteren Kontext, indem es nebeneinander mit einer Reihe historischer Positionen gezeigt wird, die für Linder von Bedeutung sind. Die Ausstellung zeigt Werke von Linders Vorgängern, um so Linders eigenes Schaffen in einen breiteren Kontext zu stellen. Damit ist No Future die ideale Gelegenheit, Linder kennenzulernen und die Tiefe ihres Werks wirklich zu ergründen.

Fotomontagen 


Mit ihren Montagen übt Linder Kritik an den klischeehaften Darstellungen von Frauen, die uns täglich online und offline präsentiert werden. 


„Ich erinnere mich an die pure Freude an der Fotomontage. Drei Jahre lang hatte ich mit Bleistift, Farbe und Feder gearbeitet, um meine Lebenserfahrungen in Zeichnungen umzusetzen. Es war ein Moment herrlicher Befreiung, einfach nur mit Messer, Glas und Kleber zu arbeiten. Fast eine wissenschaftliche Methodik. Ich saß in einer Dunkelkammer in Salford, führte kulturelle Autopsien durch und setzte die Leichen anschließend schlampig wieder zusammen – wie eine Mary Shelley, die versucht, das Monster zum Leben zu erwecken. Für eine kurze Zeit hatte ich eine perfekte Ausdrucksweise gefunden … Ich hatte Zeitschriften schon immer geliebt und hatte zwei getrennte Stapel. Der eine Stapel bestand aus dem, was man Frauenzeitschriften nennen könntenennen könnte – Mode, Romantik –, und der andere Stapel bestand aus Männerzeitschriften: Autos, Heimwerken, Pornografie, was wiederum Frauen betraf, allerdings von einer anderen Seite. Ich wollte die G-Plan-Küchen mit der Pornografie kombinieren, um zu sehen, welche seltsame Mischung dabei herauskommen würde. Ich machte das alles auf einer Glasplatte mit einem Skalpell, ganz sorgfältig, als würde ich ein Puzzle zusammenstellen.“ – Linder in: Paul Bayley, Jon Savage u. a., Linder: Works 1976–2006, Zürich 2006, S. 10–12

Inspiration


Linder findet viel Inspiration in den Werken der Berliner Dadaisten aus dem frühen 20. Jahrhundert, insbesondere in den Arbeiten der Erfinder der Collage, Hannah Höch und John Heartfield. In ihrer aktivistischen und revolutionären Haltung findet Linder viel Wiedererkennbares. So thematisieren auch die Collagen von Hannah Höch die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft. Darüber hinaus findet Linder viel Inspiration im Werk der Surrealisten wie Salvador Dalí, aber auch – und vor allem – im Werk von Ithell Colquhoun. Im Surrealismus spielt das Arbeiten aus dem Unterbewusstsein heraus eine große Rolle. Eine Methode, die nahtlos zu Linder passt, die ihr Skalpell ebenfalls intuitiv einsetzt.

Punk und heute 


Weltweit wird im Jahr 2027 das 50-jährige Jubiläum des Punk gefeiert. Der Titel No Future bezieht sich auf den bekannten Slogan aus der Punkkultur. „No Future“ (Keine Zukunft) drückt die Entfremdung von und die Unzufriedenheit mit der Gesellschaft sowie den Mangel an Perspektiven für junge Menschen in den 1970er Jahren aus. Der Slogan steht symbolisch für die Punk-Bewegung als Protest gegen das System und die etablierte Ordnung. Es lassen sich auffallend viele Parallelen zwischen der Punkbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre und unserer heutigen Zeit feststellen. Kriege, Wirtschaftskrisen, Klimawandel – die heutige Generation blickt düster in die Zukunft. Genau wie in den 1970er Jahren werden immer mehr kritische Stimmen gegenüber den aktuellen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Systemen laut. Protest ist zurück. Demonstrieren ist wieder angesagt. Das Gefühl einer ungewissen und düsteren Zukunft prägt diese Generation. Nicht umsonst entstehen wieder immer mehr Punkbands. Linders Fotomontagen stehen in starkem Einklang sowohl mit der Punk-Ära als auch mit unserer heutigen Zeit. Mit ihrem Skalpell und Bildern aus Pornomagazinen, Tanzzeitschriften sowie Koch- und Gartenbüchern gelingt es ihr, die Probleme unserer Gesellschaft treffsicher zu analysieren.

Linder, Magnitudes of Performance (Serie), 2012, Fotomontage, mit freundlicher Genehmigung von Modern Art London
Linder, Ohne Titel, 1976, Druck auf Papier, Tate.
Linder, Ohne Titel, 1976, Druck auf Karton, Tate. (für Buzzcocks „Orgasm Addict“)
Linder, Ohne Titel, 1976, Druck auf Karton, Tate.
Linder, „The Goddess Who is Permanent as Well as Temporary“, 2020, Leuchtkasten, mit freundlicher Genehmigung von Modern Art London

No Future

Linder